Mein Typ Mann
Vor ein paar Tagen saß ich beim Brunch in einem neu entdeckten Lokal in Valletta und die Bestandsaufnahme des Moments lautete ehrlich und grad heraus: Es ist alles gut! Nein, nicht gut genug. Es ist alles perfekt! Obwohl, wenn es perfekt ist, heißt das dann, es gibt keine Luft mehr nach oben?
Was gar nicht sein kann, denn seit Wochen erhalte ich die Nachricht: Alles was jetzt kommt, wird so groß und so toll, wie du es dir niemals vorstellen hättest können!
Nicht Wort wörtlich, ich bekomme meine Nachrichten meist in englischer Sprache, aber sinngemäß. Offensichtlich ist da etwas am Kochen, das ganz gewaltig wird.
Und ganz ehrlich, ich spüre das auch.
Das mag jetzt blöd klingen, aber es ist so. Nicht selten kommt es vor, dass ich meine Gefühle analysiere und meine Schlüsse daraus ziehe, nur um etwas später irgendo einen Post oder ein Zitat irgendwo zu lesen, wo genau das Gleiche drinnen steht.
Da sitze ich dann davor, lese es zwei-, dreimal durch, weil ich es nicht fassen kann, und bin total perplex. Nur um mich kurz darauf selbst zu rügen, denn ich müsste es ja schließlich besser wissen. Diese Lektion habe ich längst gelernt: Es gibt da diesen großen Plan, so viel mehr, als wir mit unserem Spatzenhirn überhaupt verstehen können, und wir alle sind damit verbunden und wir sind ein Teil davon.
Dieses Wissen hält mich jedoch nicht davon ab, noch immer mit offenem Mund oder Tränen in den Augen, meist beidem, dazustehen, wenn wieder einmal ein Wunder passiert, das ich eigentlich gar nicht als Wunder bezeichnen dürfte, weil es eigentlich total logisch ist, dass das jetzt gerade passiert ist.
Diesen "Zwiespalt" erlebe ich jetzt immer öfters.
Und es ist ein herrliches Gefühl.
Nicht mehr auf Wunder hoffen zu müssen, weil man WEISS, dass Wunder geschehen.
Ein schöner Satz, aber jetzt zurück zu meinem Brunch in Valletta in diesem zuckersüßen Lokal.
Der Moment war wirklich perfekt. Ich hatte das Lokal schon länger auf meiner To Do Liste stehen, hatte es irgendwo bei den "10 besten Frühstückslokalen in Malta" im Internet gefunden und mir gemerkt. Ich stand auch schon zwei-, dreimal davor, doch irgendwas hielt mich noch ab, es auszuprobieren. Offensichtlich war der perfekte Moment dafür noch nicht gekommen. Und dass ich mich da entschieden hatte, auf mein Gefühl zu horchen und weiterzugehen, was total richtig. Hätte ich mich mit dem falschen Gefühl hingesetzt und Essen bestellt, hätte es sicher irgendetwas gegeben, was mich gestört hätte, rein nur deswegen, weil es sich für mich an diesem Tag einfach nicht richtig anfühlte.
An diesem Tag kam mir das Lokal schon morgens beim Fertig machen in den Sinn. Lustigerweise redete ich es mir am Weg nach Valletta wieder aus. Nein, doch nicht heute. Lieber doch etwas anderes machen. Passt heute nicht. Und lustigerweise zog es mich dann aber doch genau dort hin und als ich davor stand, wusste ich, dass ich da heute essen wollte.
Schnell war auch klar: richtige Entscheidung.
Es war ein herrlicher Sommertag mit blitzblauen Himmel und Sonnenschein. Es war später Vormittag, kurz vor 12 Uhr, das weiß ich genau, weil auf der Karte stand, es gäbe Frühstück bis 12 Uhr und ich wollte nicht extra nachfragen, ob das noch gilt. Ich wollte keine Extrawürste. Die Karte gab auch sonst genug her. Die asiatische Kellnerin war genau nach meinem Geschmack: freundlich lächelnd, entspannt und aufmerksam.
Ich setzte mich draußen an einen der letzten schattigen Tische und bestellte schwarzen Kaffee, ein großes Wasser und ein Sauerteigbrot mit Rote Beete, Halloumi, getrockneten Tomaten, Basilikum und ... Mandelgranola. Was ich spannend fand.
Dann lehnte ich mich zurück und kam eben bei der bereits erwähnten Bestandsaufnahme des Moments zu dem Schluss, dass alles perfekt ist. Perfektes Wetter, perfektes Lokal, perfekter Zeitpunkt für meinen ersten Besuch hier. Ich genoss dieses Wohlgefühl und ich genoss diese herrliche Ruhe. Ganz besonders diese herrliche Ruhe. Denn, obwohl ich nur einen Steinwurf von der stark frequentierten Republic Street entfernt saß und man die Musik aus den Lokalen dort noch gedämpft hören konnte, war es hier, mit der alten Oper im Rücken, angenehm ruhig. Das Lokal selbst verzichtete auf die sonst so übliche, laute Musikbeschallung. Ein weiterer großer Pluspunkt, den ich vergeben konnte. Auch die Touristen, die am Weg vom oder zum Upper Barrakka Garden vor mir die Straße entlang gingen, störten überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Durch die etwas abschüssige Straße und den glatten Steinfliesen wurden die meisten gezwungen vorsichtig aufzutreten. Immer wieder ließ sich Jung und Alt allerdings auch dazu verleiten ein paar Eislauf-Rutsch-Schritte daraus zu machen. Diese spontan gelebte Lebensfreude war herrlich anzuschauen!
Weiter unten in der Straße saßen zwei Männer an einem verwaisten Tischchen eines kleinen Hotels neben einem Juwelierladen und unterhielten sich. Einen dieser Männer fand ich sehr attraktiv. Grau melierte Haare, eine sportliche Figur, braun gebrannt. Ich hätte auf Italiener getippt, es hätte aber genau so gut ein Malteser sein können. Da ich in meiner seeligen Blase meines Wohlgefühls ohnehin meine Gedanken zu wenig bündeln konnte, um Tagebuch zu schreiben, beobachtete ich diesen Mann eine Weile.
Ein sehr attraktiver Mann, dachte ich mir. Und zur Abwechslung einmal in meinem Alter, wie interessant. Normalerweise sprechen mich ja eher die viel jüngeren Männer, die Freigeister, Surfertypen, Individualisten an, dachte ich mir.
Als er aufstand, um den Juwelierladen zu betreten (es stellte sich heraus, dass er dort arbeitete), schaute ich ihn mir noch einmal ganz bewusst vom Scheitel bis zur Sohle an und stellte mir auch ganz bewusst die Frage, ob das ein Mann wäre, den ich mir als Mann an meiner Seite wünschen würde.
Die Antwort kam ziemlich schnell und eindeutig: nein.
Warum nicht, fragte ich mich.
Weil das nicht der Typ Mann ist, der mich wirklich anspricht. Attraktiv ja, aber keine Spur von Freigeist. Zu sehr gestylt und auf diesen perfekten Style, der für meinen Geschmack ein wenig zu sehr nach Geld riecht, großen Wert zu legen scheint. Ich mag es nicht, wenn jemand so perfekt gestylt ist, damit zwar unumstritten sehr gut aussieht, aber ich in Wahrheit nur eine Reproduktion eines Katalogbildes vor mir sehe. Ich mag es nicht, wenn ich keine Ecken und Kanten, keine persönlichen Eigenheiten erkennen kann. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser gestylter Herr und ich irgendwelche Gemeinsamkeiten hätten.
Ist das nicht eine sehr oberflächliche und vielleicht sogar sehr unfaire Feststellung, fragte ich mich.
Ja, ganz bestimmt.
Okay, aber wenn das nicht mein Typ Mann ist, was genau ist dann mein Typ Mann, fragte ich mich.
Und bevor ich innerlich überhaupt Luft holen konnte, um die Punkte aufzuzählen, die mir an meinem Typ Mann wichtig wären, breitete sich ein Lächeln und ein ganz warmes Gefühl in mir aus ...
Der Typ Mann, der mich vor ein paar Tagen erst ganz fest in seinen Armen gehalten hatte!
Mit diesem einen Satz war diese Frage beantwortet. Daran gab es absolut keinen Zweifel.
Ein paar Tage zuvor war nämlich erst eines dieser Wunder passiert, das mich total überwältigte und doch so natürlich geschah, dass es eigentlich keinen Zweifel hätte aufwerfen dürfen, dass es geschah!
Mein österreichischer Lieblingskabarettist, von dem ich seit Monaten alles anschaute, was das Internet hergab, weil ich ihn nicht nur als Künstler toll finde, sondern ihn für einen ganz wunderbaren Menschen halte, der österreichische Star-Kabarettist, mit dem ich mich immer mehr verbunden fühle, weil er einfach so tickt wie ich und sich teilweise auch die selben Fragen stellt wie ich, der nicht nur ein goldenes Herz hat, sondern auch noch spitzenmäßig gut aussieht, diesen genialen Menschen durfte ich in Wien treffen, ihn umarmen und festhalten!
Mit all meinen Sinnen war ich sofort wieder bei diesem magischen Moment angekommen. Ich konnte gar nicht anders. Diese Umarmung ist gerade so present in meinem Bewusstsein. Nicht nur die zwei starken Arme, die mich da festgehalten und mich gedrückt haben, sondern alles, wofür dieser Moment steht.
Ja, ja, ... aber ... war sofort der innere Quizmaster wieder zur Stelle ... wenn genau ER der pefekte Typ Mann für mich ist, welche Emotion überwiegt dann gerade?
Die Melancholie darüber, dass ich diesen perfekten Menschen zwar umarmen durfte, ich aber so ehrlich zu mir sein kann, dass ich genau weiß, dass dieser Mann keine weitere Rolle in meinem Leben spielen wird, außer, dass ich mich riesig freue, ihn weiterhin im Internet anzuschauen und ihn vielleicht irgendwann noch einmal live in einem Kabarett sehen zu dürfen.
Oder.
Die Freude darüber, dass ich jetzt endlich diesen Prototypen gefunden habe, um genau zu wissen, wie mein perfekter Typ Mann sein muss.
Auch diese Antwort fiel mir nicht sehr schwer.
Ja natürlich, diese Melancholie war schon da. Ich würde mich selbst belügen, wenn ich sie abstreiten würde. Doch ganz ehrlich, wenn man auch bei jedem anderen tollen Mann, dem man in seinem Leben begegnet, dieses Gefühl "Was wäre wenn" für einen Moment ganz mutig zulässt ..., bei einem berühmten Spitzenkünstler aus Österreich brauchte man sich das gar nicht antun.
Davon träumen, ja. Aber nur im Ansatz einen ernsthaften Gedanken daran zu verschwenden ... das sag ich gerne in seinen eigenen Worten: "Spar dir die Luft zum Suppen blasen!"
Es ist aber in der Tat sehr angenehm zu wissen, dass sich das Bild meines perfekten Mannes damit sehr verdeutlicht. Vielleicht, und bei dem Gedanken bekam ich sofort ein flaues Gefühl im Magen, brauche ich das ja gerade, um IHN zu erkennen, weil ER bald vor mir stehen wird?
Diese Möglichkeit ließ ich ein wenig im Raum stehen. Ich musste den Gedanken aber bald wieder verwerfen, weil er mir zu mächtig war.
Der kleine Quizmaster in mir fragte noch einmal nach. Bist du dir sicher, dass du das so stehen lassen willst? Oder traust du dir diesen Gedanken einfach nicht zu denken, dass ALLES im Leben möglich ist? Hast du es immer noch nicht kapiert, dass es nichts gibt, was es nicht gibt, und alles, was man sich vorstellen kann, auch tatsächlich passieren kann? Und wahrscheinlich noch viel mehr? Gibst du dir damit nicht nur die sichere Antwort anstatt groß zu denken?
Ich nickte dem Quizmaster lächelnd zu, denn ich wusste genau was er meinte. Doch dann traf ich meine Entscheidung und gab meine Antwort aus dem tiefsten Herzen heraus.
Ich hatte mir mit allen Sinnen gewünscht, diesen wundervollen Menschen umarmen zu dürfen. Dieses Wunder ist geschehen und es ist auf die natürlichste und schönste Art und Weise überhaupt geschehen. Ich durfte diesen überwältigenden Augenblick total entspannt und komplett present genießen und er hallt wohl bis in allen Ewigkeiten in mir nach. Dafür bin ich extrem dankbar! Es gibt dazu keine offenen Erwartungen mehr. Es ist einfach nur perfekt!
So, wie ich meiner Freundin geschrieben hatte, die bei dem Ereignis dabei war: "Ich mache nun den Deckel dieses Schatzkisterl zu und bewahre es in meinem Herzen auf."
Dass ich daraus nun auch noch den Schluss ziehen darf, wonach ich in Zukunft bei einem Mann Ausschau halten werde, ist etwas Wunderschönes. Ein Bonus sozusagen.
Also ja, die Antwort, das Glück, den perfekten Typ Mann für mich nun beschreiben zu können, überwiegt auf jeden Fall.
Unten in der Republic Street hatten seit einer Weile bereits zwei Straßenmusiker bekannte Melodien auf Geige und Querflöte gespielt, was ich unheimlich schön und entspannend fand.
Das nächste Lied, das sie anspielten, war:
"Can't take my eyes off you"
Ein ganz besonderes Lied, denn ich verbinde es ausschließlich mit Heath Ledger in dem Film "Zehn Dinge, die ich an dir hasse".
Das Bild des über das ganze Gesicht strahlendem, blond gelocktem Heath Ledger´s erschien vor meinem geistigen Auge.
Ein Gefühl großer Zuneigung und Tränen stiegen in mir hoch.
"Rest in Peace, you perfect man!"
Und da zuckte ein weiterer großer Gedanke durch meine Sinne ...
Heath Ledger, ... ist nicht auch er schon der Prototyp für meinen perfekten Mann gewesen?
Dynamischer Freigeist, mit Ecken und Kanten, offen und ehrlich, mit einem goldenen, verletzlichen und doch so selbstbewussten, starken Herzen? Nicht unbedingt klassisch eine Schönheit, aber genau deswegen so schön, dass es fast schon weh tut ihn anzusehen?
Es scheint, als wäre ich mir und meinem Typ Mann, ohne es zu wissen, die ganzen Jahre über sehr treu geblieben. Und dieses winzige Flämmchen der Euphorie flackerte fröhlich:
Wer weiß wofür es gut ist, dass mir das alles gerade jetzt so bewusst wird.

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