Vom Allein Sein
Heute ist Dienstag, der 24. Januar 2023, ein regnerischer Tag hier in Malta. Ich habe in meinem Lieblings-Café Platz genommen, um mich endlich wieder einmal ein paar Stunden im Schreiben zu verlieren.
Die Gründe warum ich jetzt länger keinen Blog mehr geschrieben habe, sind unterschiedliche. Zum Einen haben sich gleichzeitig zwei liebe Freundinnen bei mir gemeldet, mit denen ich die Philosophie des Lebens ausführlich besprochen und mich mit ihnen ausgetauscht habe. Zum Anderen sind bereit in den ersten Wochen des Neuen Jahr ein paar Hiobsbotschaften eingetrudelt, die ich in aller Stille bewältigen musste. Dabei hat mir zwar mein Tagebuch treuen Dienst geleistet, doch für einen Blog war ich nicht in Stimmung. ... Obwohl: Stoff genug hätte es dafür gegeben.
Ah ja, und der schönste Grund: Ich habe meine erste Reise seit 4 Jahren geplant und gebucht! Passiert zwar erst im Juni, doch ich möchte die Vorfreude darauf in vollen Züge auskosten. Dazu gehört zum Beispiel, dass ich mir in den Kopf gesetzt habe, für diesen Trip eine schokobraune Weste zu stricken. Warum? Keine Ahnung, ich fand es nur plötzlich irgendwie total wichtig. Und deshalb verbringe ich eben gerade viele Stunden eingekuschelt auf der Couch, mit meinen Stricknadeln in den Händen und irgend ein angenehmes Hörprogramm auf den Ohren.
Heute war mir allerdings nach Schreiben ... bei einer guten Tasse Kaffee ... in dem gemütlichen Café ... mit Blick auf das graue, verregnete Valletta.
Das Thema, über das ich heute schreiben möchte: Das Allein Sein
Dieses Thema war gerade Bestandteil einiger Gespräche und deshalb fiel es mir auch in meinen YouTube Video "Botschaften" verstärkt auf. Grund genug, um es einmal von meinem persönlichen Standpunkt aus zu betrachten.
Eines kann ich schon vorweg nehmen: es wird kein trauriger Blog.
Allein sein bedeutet für mich nichts "Negatives". Ganz im Gegenteil. Ich brauche das Allein Sein - um meine Batterien aufzuladen, um über wichtige Dinge nachzudenken und, vor allem, um mich mit meiner reichen und komplexen inneren Welt zu beschäftigen.
In meiner Kindheit und meiner Jugend war ich mehr alleine, als mir das lieb war. Die Umstände wollten es so. Ich hatte zwar meine guten Freundinnen, doch innerhalb der Familie war ich sehr viel und oft alleine, allein gelassen. Es war, zugegeben, nicht einfach. Gerade wenn es um die großen Themen ging, mit denen ich mich als Jugendliche ganz alleine in meinem Zimmer sitzend auseinandersetzen musste.
Aus heutiger Sicht kann ich allerdings sagen, genau diese Notwendigkeit der Selbst-Reflexion war das Beste um mich mit den Themen des Lebens auseinanderzusetzen. Denn ich war nun einmal nicht so, wie alle anderen. Es gab natürlich ein paar Schnittpunkte. Doch für die Zukunft half es mir ganz enorm, meinen eigenen Weg zu finden und Dinge auf meine Art und Weise anzugehen.
Dazu kommt dieser unheimliche Stolz, den ich heute empfinde, weil ich so viel alleine bewältigt und durchgestanden habe.
Sehr lange fühlte ich mich allerdings als Außenseiter und als Tagträumer, weil ich mir zwar immer wünschte dazuzugehören, doch in Wahrheit waren die Zusammentreffen mit Anderen meist sehr energieraubend und stressig für mich. Ich wusste damals leider noch nicht über meine Hochsensibilität Bescheid. Lange dachte ich, mit mir stimmt etwas nicht, weil ich es nicht schaffte Beschäftigungen mit Freunden so genießen, wie es scheinbar alle anderen taten.
Bis ungefähr Mitte Dreißig versuchte ich mehr schlecht als recht hierbei die Balance zu finden. Dann spielte mir das Leben äußerst positiv in die Karten.
Es war die Zeit, in der meine Freundinnen und Wegbegleiter Familien gründeten, Kinder bekamen, Häuser bauten ... und dadurch keine Zeit mehr für mich hatten.
Ich hatte also zwei Möglichkeiten:: auf alles, was ich bis dahin gerne tat, zu verzichten oder zu lernen, diese Dinge alleine zu tun.
Ersteres kam auf keinen Fall in Frage. Ich begann also nach und nach aus meiner Komfortzone auszubrechen und versuchte so gut wie möglich meine Freizeit alleine zu gestalten. Der Besuch im Café war einer der ersten Schritte. Dann kam der erste Kinobesuch. Ich weiß noch genau, es war der Film "Ray" - über das Leben von Ray Charles mit Jamie Foxx. So wichtig war dieser Meilenstein. Im Jahr 2004 - ich war damals 33 Jahre alt.
Je mehr ich alleine unternahm, desto mutiger wurde ich. Gleichzeitig stellte ich auch ganz schnell fest, wie bereichernd es ist, etwas alleine zu unternehmen. Der Besuch einer Ausstellung oder ein Spaziergang durch den Wald ... wunderschön, wenn man das mit jemanden teilt, doch noch intensiver, wenn man es alleine macht, nämlich genau so, wie man das möchte.
Die Königsdisziplin war damals mein erster Urlaub alleine. Ich suchte mir dafür Ägypten aus. Vielleicht nicht das klassische Ziel für eine Frau und ihren ersten Urlaub alleine. Doch ich hatte dort im Jahr zuvor eine Woche mit einer Freundin verbracht und war mir einfach sicher, dass ich das auch eine Woche alleine genießen könnte. Hotel, Strand und umgebung kannte ich ja schon. Ich konnte mir also schon im Vorfeld meine Urlaubstage genau vorstellen.
Diese Reise nach Ägypten war meine Meisterprüfung!
Danach war ich mir sicher, ich würde in Zukunft auf so gut wie nichts mehr verzichten müssen, da ich es auch alleine schaffte, also niemanden brauchte, der das mit mir unternahm.
Und ganz ehrlich, die Urlaube, die ich alleine verbringe, sind fantastisch! Ich mache jeden Tag genau das, was ich mache möchte oder wofür ich in Stimmung bin. Wenn es mir wo gefällt, bleibe ich dort länger. Gefällt mir etwas nicht, ziehe ich zügig weiter, ohne auf jemand anderen Rücksicht nehmen zu müssen. Lerne ich irgendwo jemand kennen, mit dem sich ein tolles Gespräch ergibt, kann ich dort stundenlang plaudern, ohne dass jemand an meiner Seite bereits auf Nadeln sitzt und weiter will.
In einem fremden Land kommt man dann so richtig an, wenn man das Zuhause zurücklassen und für den Moment vergessen kann. Wie oft sitzt man mit der Urlaubsbegleitung beim Frühstück oder Abendessen und redet über Alltagsprobleme von zuhause? Alleine tut man das nicht. Die Gedanken sind fast ausschließlich auf das fokusiert, was man gerade hier an Ort und Stelle erlebt.
Diese Allein-Verreisen meisterte ich irgendwann so toll, dass daraus ein Auswandern wurde ...
Ich glaube, das Schönste am Allein Sein ist die Tatsache, dass ich mich ausschließlich auf mich selbst konzentrieren kann. Als Hochsensible Person nehme ich alle Eindrücke von Außen ohne Filter in mir auf. Das alleine kann schon sehr überwältigend sein. Wenn man sich dann auch noch auf andere Personen einstellen muss, wird das schnell viel zu viel. Alleine kann ich mich aber komplett darauf einlassen. Und somit habe ich die Chance viele Botschaften zu empfangen.
Immer mehr bin ich überzeugt davon, dass wir ständig Botschaften empfangen, die für unser Vorankommen unheimlich wichtig sind. Nicht nur dann, wenn wir uns auf etwas Bestimmtes konzentrieren, sondern meist genau dann, wenn wir "nur" offen und auf Empfang sind. Das kann ein Gespräch mit einem Fremden sein, etwas, das wir hören oder sehen, oder etwas, das irgendetwas in uns auslöst. Wenn ich alleine bin, bin ich ständig auf Empfang! Ich nehme meine Umgebung wahr und lasse Gefühle und Gedanken so zu, wie sie daherkommen. So etwas ist unheimlich schwierig, wenn man nicht alleine ist. Natürlich können auch Gespräche oder Unternehmungen mit Anderen unheimlich bereichernd sein. Doch die wichtigen "Durchbrüche" in meinem Leben fanden fast ausschließlich dann statt, wenn ich mich alleine mit den essentiellen Themen des Lebens beschäftigte.
Das Allein Sein muss und kann man lernen. Ich bin der Meinung, dass es enorm wichtig ist, alleine zu sein. Regelmäßig und so viel wie möglich.
Und bitte das Allein Sein nicht mit dem Gefühl der Einsamkeit verwechseln!
Sich einsam fühlen, ist und bleibt etwas Schreckliches ...
Wenn man sich einsam fühlt, fehlt etwas. Wenn man alleine ist und dies auch gerne tut, ist das unheimlich bereichernd.
Habe ich mich in meinem Leben oft einsam gefühlt?
Oh ja!
Fühle ich mich immer noch einsam?
Fast nicht mehr.
Es gibt noch die ganz wenigen Momente, wo ich mir jemand an meiner Seite wünschen würde. Nicht nur den liebevollen Lebenspartner, sondern einfach einmal die gute Freundin, die man anruft oder antextet und mit der man sich spontan auf einen Kaffee trifft, weil man über etwas Wichtiges reden möchte.
Auf der anderen Seite gibt es aber heute auch diese vielen wundervollen Momente, meine Diamanten, wie ich sie nenne, wo ich etwas ganz Tolles mit Fremden erlebe. Nur weil ich offen bin dafür und weil ich sie wahrnehme. was ich vielleicht nicht tun würde, wenn ich mit jemand Zweiten unterwegs wäre.
Und dann kommt noch dazu, dass ich mich in der Natur niemals alleine fühle!
Meiner Indianischen Seele zu verdanken wahrscheinlich ...
Ich fühle mich verbunden mit dem Wind, dem Regen, den Sternen, dem Mond. Ich bin verbunden mit Mutter Erde, ich liebe Pflanzen und Tiere. Ich könnte mich niemals alleine fühlen, wenn ich auf das weite Meer hinausschaue.
Seit einiger Zeit fühle ich mich auch mit den Menschen wieder mehr verbunden. Ich bin Teil der Menschheit, Teil der Gesellschaft. Auch wenn ich mich immer noch am Rande und nicht mittendrin aufhalte, gehöre ich doch dazu.
Zum Beispiel gerade jetzt und hier:
nette Gespräche mit den Kellnern und dem Mananger des Cafés, doch ich fühle mich auch verbunden mit der jungen Frau, die zwei Tische neben mir sitzt und, genau so wie ich, an ihrem Laptop arbeitet. Wir haben noch kein Wort gewechselt, uns noch nicht einmal angeschaut, und doch finde ich es angenehm, dass sie da ist.
Zurückblickend auf mein Leben kann ich sagen, ich habe mich immer besser selbst kennengelernt, je mehr ich es genossen habe, mit mir alleine zu sein.
Wenn man sich selbst genügt ...
Doch ich weiß auch jetzt gerade duch das Allein Sein die Zusammentreffen mit anderen immer mehr zu schätzen. Heute ist es nämlich so, dass ich diese Zusammentreffen nicht mehr BRAUCHE, sondern nur noch WiLL.
Und wenn ich mich heute hinsetze und "nichts tue", verbinde ich mich automatisch mit dem Universum, also allem rund um mich. Es gibt keinen Ort, an dem ich wirklich alleine bin, wenn ich verbunden bin mit allem was rund um mich ist. Ich bin Teil des Universums, ich bin Teil der Natur, ich bin Teil der Menschheit.
Das Gefühl der Einsamkeit entsteht dann, wenn ich mich abgeschnitten fühle.
Spannenderweise hat dieses Gefühl nichts mit der Außenwelt zu tun. Ich kann mich unter vielen Menschen am einsamsten fühlen ...
Allein sein und gerne allein sein ist ein Geschenk!
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