Mein kleiner Freund, der Krebs

Ich sitze auf einem nicht zu spitzen, nicht zu unbequemen Sandstein-Hocker, den das Wasser, die Wellen und der Wind über Jahrzehnte aus dem Strand gemeißelt haben. Die Wellen schwappen über meine Zehen, manchmal bis zu den Knöcheln. Weiter lasse ich es heute nicht kommen. Das Meer ist zu unruhig, die spitzen Sandsteinformationen können ganz schön weh tun, wenn einem die Wellen dranspülen. So sehr ich das Meer auch liebe, ich habe einen unheimlichen Respekt davor.

Heute ist ein guter Tag!
Ich fühle mich komplett, ich bin glücklich und entspannt. Wenn ich aufs Meer hinausblicke und auf das Rauschen der Wellen horche, weiß ich, dass ich am absolut richtigen Platz bin. Ich spüre die Sonne und den Wind auf meiner Haut. Ich atme tief ein und aus. Ich fühle mich ganz und ich fühle mich als Teil des Ganzen. Ich lächle mit dem ganzen Körper.

In solchen Momenten sind all meine Empfindungen und all meine Sinne auf Empfang gestellt. In diesen Momenten erlebe ich alles intensiv. Es prickelt wohlig auf meiner Haut. 

Da nehme ich plötzlich eine Bewegung in meinen Augenwinkeln wahr. Ich drehe meinen Kopf nach rechts, suche die Steine nach dem ab, was sich da gerade eindeutig bewegt hat. Doch auf dem ersten Blick ist nichts zu erkennen. Ich weiß aber, was ich gesehen habe, und scanne die Steine ein zweites Mal. 
Und da! Ein kleiner Krebs, nicht größer als meine Handfläche, bewegt sich jetzt wieder aus einem Steinloch heraus und in das nächste Steinloch hinein. Wenn er still hält, ist er nicht auszumachen. Zu perfekt ist seine Tarnfarbe. Er passt seine Bewegungen dem Rhythmus der Wellen an. Läuft, wenn sich das Wasser zurückzieht, sitzt ganz still, wenn die Wellen über ihn hinwegschwappen.
So kommt er langsam auf mich zu. Ich versuche ganz ruhig zu sitzen, möchte, dass mir der kleine Krebs so nahe, wie möglich kommt. Er soll wissen, dass er bei mir sicher ist, dass ich ihm nichts tun werde.

"Komm näher, kleiner Krebs. Ich tue dir nichts. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben."

Ich weiß, dass Krebse scheu sind und bei der kleinsten Bewegung schnell das Weite suchen. Doch ich fühle mich heute sehr verbunden mit der Natur. Indem ich diesem kleinen Kerl zeigen will, dass er mir vertrauen kann, werde ich immer ruhiger und entspannter. Es fühlt sich schön an, so bewegungslos da zu sitzen und sich mit einem anderen Lebewesen so verbunden zu fühlen.

Und tatsächlich, der kleine Krebs kommt immer näher. Jetzt ist er gleich bei meinem rechten Fuß angelangt. Was er wohl machen wird? Wird er mich berühren? Wird er merken, dass mein Fuß kein Stein ist? Wird er erschrecken und weglaufen?

Bei der ersten Berührung halte ich die Luft an. Ganz sanft berührt er mich am Fuß oberhalb der kleinen Zehe. Es kitzelt ein wenig. Dann kitzelt es ein wenig mehr, als der kleine Krebs tatsächlich versucht, über meinen Vorderfuß zu klettern. Noch immer versuche ich mich nicht zu bewegen, balle aber die Fäuste mit aller Kraft, um nicht aufzuschreien. Ich bin doch so empfindlich an den Füßen! Aber mein kleiner Freund soll auf keinen Fall Angst bekommen. Zu wertvoll ist diese Begegnung.

Nach einigen Versuchen gibt der kleine Krebs auf. An meiner Haut kann er sich einfach nicht festhalten. Stattdessen läuft er an meinem Fuß entlang, umrundet meine Ferse und zieht weiter ... zu meinem linken Fuß. 

Dort versucht er erst gar nicht über meinen Rist zu klettern. Aber es geschieht etwas sehr Schönes:
Er setzt sich in die Höhle, die mein Mittelfußknochen bildet!
Die Höhle hat die perfekte Größe für ihn. Ich spüre ihn nur ganz sanft und nur dann, wenn er sich bewegt. In meiner Fußhöhle findet er Schutz vor den Wellen. Er scheint sich dort wohl zu fühlen.
So sitzen wir für eine ganze Weile zusammen. Ich beschütze ihn mit meinem Fuß, er sitzt entspannt in seinem Unterschlupf und bewegt sich nur ganz wenig. 

Ein unheimlich schönes Gefühl! Zwei Kreaturen, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben im normalen Leben. Und doch fühlen wir uns wohl miteinander. 

Als der kleine Krebs nach einer ganzen Weile wieder aufbricht und seinen Weg fortsetzt, bin ich traurig.

"Leb wohl,mein kleiner Freund! Es war richtig nett mit dir." 


Erst als er schon ein ganzes Stück weit weg ist, bewege ich mich zum ersten Mal. Ich stehe langsam auf, hole mein Handy, um ein Erinnerungsfoto von meinem kleinen Krebs zu schießen.



Danach setze ich mich wieder auf den Sandstein-Hocker und lächle noch ein wenig mehr mit meinem ganzen Körper. 

Das sind jene intensiven Momente in meinem Leben, in denen ich überaus glücklich bin, eine hoch sensible Person, eine HSP, zu sein ...  







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